Endstation-Suchtstation

Die Freiheit

Nach langer, wirklich langer Zeit, dachte ich mir heute, ich setzte mich mal einen Moment hin und schreibe etwas. Tatsächlich wird es irgendwie mal wieder Zeit. Heute bin ich neununddreißig Tage in "Freiheit". Trocken, wohl gemerkt. Wobei ich seit ca. fünf Monaten in Abstinenz lebe. Naja, wenn ich nun sagen würde, mir fehlt rein gar nichts, dann muss ich tatsächlich etwas Lügen.

Irgendwie, ist der Gedanke an Alkohol, zwischendurch sicherlich nicht weit entfernt und da denke ich schon, das ein Glas oder eine Flasche nicht schlimm sei. Gerade zur Zeit, wo wirklich viel Stress um mich herum herrscht, ist dieser Gedanke des Öfteren da. Na klar, ich vergesse leider nicht, dass der Alkohol eben auch eine Medikamentöse, somit beruhigende Wirkung hatte. Aber ich mache mir auch nichts vor, ich weiß ganz genau, dass es nicht bei einer Flasche oder einem Glas bleiben würde und ganz bestimmt, ist mir klar, dass ich Alkoholkrank bin. Was das heißt, weiß ich genau. Egal ob ein Schluck oder ein Glas, es wäre ein Rückfall, den ich sicherlich vorher Bremsen kann. Auch wenn mir sicherlich genauso klar ist, dass der Alkohol jederzeit irgendwo lauert und die Sucht in allen schwierigen oder stressigen Situationen mit mir spricht, kann ich selber Ruhe bewahren und immer noch selber über mich Entscheiden. Also einen anderen Weg suchen.

Stress ist allgemein ein großes Thema. Ich wurde nach fünfzehn Wochen entlassen und startete direkt in den Beruf, ohne irgendeine Eingliederung. Leider erwischte mich in der neuen Firma ziemlich schnell eine Krankheitswelle, sodass ich mehr oder weniger, die meiste Arbeit auf meinen Schultern tragen musste. Ich denke das machte viel aus, dass ich natürlich irgendwo unzufrieden war, auch wenn ich froh über die neue Stelle gewesen bin. Aber so, hatte ich mir das alles sicherlich nicht vorgestellt. Aber auch hier gibt es wieder eine Umstellung. In der selben Firma, Wechsel ich in eine andere Abteilung und dort, hoffe ich, wird es etwas ruhiger. Jedenfalls ab Dezember, den bis dahin habe ich ganze zwölf Stunden Dienst. Familien Leben ist also bis dahin, mehr oder weniger, futsch. Wie gesagt, ab Dezember normalisiert sich hoffentlich einiges. Heute genieße ich meinen Freien Tag, bis Montag, darf ich mich ausruhen und auskurieren, denn jetzt hat mich die Krankheitswelle genauso getroffen.

 Familien Leben, so wie ich es eben kurz angeschrieben habe, gibt es. Es gibt eben auch dort, höhen und tiefen. Manchmal ist es meine Unzufriedenheit, manchmal ist es der Stress um mich herum und an anderer Stelle, sieht es bei mir Finanziell noch nicht so goldig aus. Leider ist eben durch meine Trinkerei, so einiges hängen geblieben. Aber ich denke, das mir dieses Familien leben gut tut, auch wenn ich manchmal schreiend weglaufen könnte, so hält es mich aber doch am leben. Natürlich lebe ich für mich alleine, aber ich denke, wenn ich ganz alleine wäre, sähe einiges schon wieder ganz anders aus. Durch die Familie, vergesse ich ganz oft den Alkohol, auch wenn ich trotzdem manchmal daran denke. Aber eben weniger.

Ich denke, dass ich hier einen festen halt habe, man sich gegenseitig unterstützt und selbst dann, wenn es eben malschief läuft. Es wird nach Lösungen gesucht und nicht wie zuvor, fallen gelassen und nach dem Motto "Kaputt, was neues" gearbeitet. Jeder Mensch hat seine "Macken", seine höhen, seine tiefen, sein Temprament und seinen Charakter. Jeder lebt, jeder liebt und jeder ist sich selbst. Oder etwas nicht? Vielleicht sehe ich auch alles etwas anders, manchmal sage ich etwas, was ich vielleicht nicht so gemeint habe. Ich denke viel und sehe Dinge, die kommen, die andere noch nicht sehen. Natürlich habe ich da mein "Helfersyndrom". Ich tue was und wo ich kann, wobei ich damit oft selber in Stress Situationen gerate, eben, weil ich mich vergesse.

Ich möchte nicht sagen, dass es nur ein Suchtkranker, schwer im leben hat. Sicherlich nicht. Ich bin auch ganz bestimmt nicht der einzige Mensch in diesem Universum, der Sorgen und Probleme hat. Vielleich beschwere ich mich manchmal auf einem viel zu hohen Niveau. Das mag sein. Ich reflektiere mich aber, immer und immer wieder. Somit weiß ich, was mir gut tut und was mir nicht gut tut. Ich kann hier sehr gut Unterschiede machen und habe heute, keinerlei Probleme damit, ohne Vorwarnung auszusortieren. Aber ich prüfe vorher, ob es tatsächlich so ist. Ich Verurteile niemanden und genauso wenig gebe ich irgendwem, irgendeine Schuld, an irgendwas. Verurteilen, liegt nicht in meiner Macht, genauso wenig wie Schuldzuweisungen. Dafür gibt es andere Menschen.

Tja.So lebe ich also. Mal so und mal so, aber eben Trocken. Wartend darauf, dass meine Nachsorge beginnt und ich morgen nach langer Zeit endlich wieder in meine Selbsthilfegruppe kann. Denn eines ist klar, bevor ich trinke, werde ich alles versuchen, dass es nicht dazu kommt. Werkzeuge dazu habe ich genug. Davon ab, manchmal, ist es fast vollkommen "Normal" nichts zu trinken. Mein Umfeld? Trinkt auch nicht. Außer vielleicht im Sportverein. Aber ansonsten, versuche ich, so gut wie es geht, Kneipen und Bars, Discos und Partys zu vermeiden. Bis jetzt klappt es.

Vielleicht sollte ich einfach meine Vorfreude auf meinen endlich ersehnten Urlaub legen. In sechs Wochen ist es soweit. Mein Weihnachtsgeschenk. Mit der ganzen Familie, über Silvester in die Sonne. Hab ich auch noch nie gemacht, aber irgendwann, ist eben immer das erste mal. In allem.  

8.11.16 11:21

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