Endstation-Suchtstation

Der Alltag

Wer glaubt, das der wechsel in die Tagesklinik einfach wäre, den muss ich aus meiner Sicht enttäuschen. Einfach ist es absolut nicht und schon gar nicht, wenn man Familie hat und in den Alltag zurück kehrt. Trotzdem sehe ich es nicht negativ oder bereue gar den Schritt gegangen zu sein. Im Gegenteil. Es ist eine gute Übung, in den Alltag zu finden und im Hintergrund die Klinik zu haben.

Der Ablauf in der Klinik ist klar strukturiert. Um 08:00Uhr beginnt der Tag und endet um 17:00Uhr. Ich habe wenig Zeit, die ich für mich in Ruhe nutzen kann. Den neben der Arbeitstherapie, fallen andere Dinge, zwischendurch an. Somit bleiben die Einzel- und Gruppensitzungen, neben den anderen Ämter. Seit drei Wochen würde ich von der Mehrheit, in den Patientenbeirat gewählt, der nicht immer eine leichte Aufgabe hat. Man ist immer Ansprechpartner und muss stetig in die Ausseinandersetzung mit Patienten und Therapeuten gehen. Natürlich eine Verantwortungsbewusste Aufgabe, die ebenfalls mit viel Vertrauen und Ehrlichkeit zutun hat. Gut für mich. Den in der Zeit, wo ich hier bin, durfte ich lernen, mich auseinanderzusetzen, Verantwortung über mich zu übernehmen und genauso, ehrlich zu sein. Gewisse Dinge, sofort anzusprechen. Auch sehe ich viele Dinge kritischer und hinterfrage viel. Ja. Ich stehe endlich wieder Selbstsicher und Selbstbewusst, mir selber gegenüber. Stecke den Kopf nicht in den Sand, auch wenn mir manchmal danach wäre. Aber letztlich, bringt es mich nicht weiter, in Situationen, die schwierig und unangenehm sind, aufzugeben und davon zu rennen. Klar ist, dass alles was mir nicht gut tut, mir letztlich Schaden wird. Egal ob es gewisse Menschen sind oder Situationen. Ohnmacht, heißt machtlos zu sein. Dabei ist es nicht so. Ich übernehme bereits Macht, wenn ich offen über Dinge spreche, die mich in diese machtlose Situation bringen. Es gibt genug, was man wirklich verändern kann, wo man zuvor glaubte, es sei nicht so.

Es fühlt sich für mich gut an, positive Erfahrungen zu machen, indem man sich nicht versteckt, sondern Lösungsorientiert denkt und handelt. Übung macht den Meister. Der Alkohol, oder eher die Sucht, ist ein ständiger Geist im Nacken. Natürlich versucht sie in allen schwierigen Situationen, mir den Alkohol schmackhaft zu machen. Sie sucht nach der Aufmerksamkeit, die ich ihr gab, als ich getrunken habe. Als ich nach Liebe und Entlastung suchte. Meinen Stress versuchte abzubauen und alle Probleme ertränken konnte. Heute habe ich die Sucht, als einen Schatten akzeptiert, das musste ich, weil ich verstanden habe, das dieser Schatten, mein lebenlang bleibt. Aber ich lerne, meinen eigenen Weg zu gehen.

Der Alltag ist schwierig und es gab sicherlich einige Konflikte. Zuletzt bekam ich vor knapp einer Woche einen Trinkdruck, der mich von der einen in die nächste Sekunde umhaute. Sicherlich, bedingt durch den Stress. Ich war mit meiner Familie auf einer großen Kirmes. All die Bierbuden, Sekt-und Weinstände, triggerten mich zusätzlich, zu dem Alltags Stress. Natürlich war ich total erschrocken. Der Schweiß lief mir den Rücken herunter, in mir breitete sich eine gewaltige Unruhe aus. Ich suchte mir eine relativ ruhige Ecke, zwischen zwei Imbissbuden und besorgte mir eine halbliter Flasche Wasser. Ich trank sie auf Ex und roch kurz danach an meinen Fläschchen Ammoniak. Ich zitterte am ganzen Körper und meine Freundin Petra wusste nicht was los war. Ich reagierte sehr angespannt und Agressiv, bevor ich mich aufraffen konnte und auf das nächst beste Fahrgeschäft zusteuerte. Ich wusste, ich muss irgendwas machen, aber ich wollte die Kirmes nicht verlassen. Tatsächlich, hielt es knapp fünfzehn Minuten an und endete mit einer Runde “Breakdance”. Mein Notfallplan hat funktioniert und ich war verdammt Stolz auf mich. Natürlich erklärte ich meiner Freundin, was passierte und entschuldigte mich.

Ich sage mir, das es die beste Entscheidung gewesen ist, die Langzeittherapie zu machen. Es fordert viel Mut und die eigene Bereitschaft dazu, nur so, kann man eine Veränderung eingehen. Ich habe mich in vielen Dingen verändert, auch wenn ich heute, manchmal immer noch Impulsiv bin und mir manches zu sehr auf meine Seele baue. Aber ich bin mir meiner Arbeit noch nicht Fertig und wachse ebenso weiter. Ich hoffe das sich in dieser Woche, noch einiges regelt. In zwei Wochen ist meine Therapie, jedenfalls hier in der Klinik zuende. Dann beginnt der Alltag, ohne Unterstützung. Aber auch das werde ich schaffen, den ich glaube an mich. Das zählt doch!

13.9.16 11:18

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