Endstation-Suchtstation

Der letzte Tag mit 26

Heute ist der letzte Tag, der letzte mit meinen jungen sechsundzwanzig. Morgen beginnt für mich das nächste Lebensjahr, in diesem Leben. Da dachte ich mir, dass es Zeit ist, einmal in das vergangene Jahr zurück zu blicken. Einiges ist geschehen, manches war schön und anderes wiederrum nicht.

 

Heute vor genau einem Jahr, befand ich mich auf der Station C, in der örtlichen Suchtklinik. Nachdem ich meinen zweiten Suizid Versuch hinter mir hatte. Damals war ich in einer angespannten Phase. Trennung von Anna, mehrere Rückfälle und mein gesamtes Leben stand auf dem Spiel. Heute vor einem Jahr, wusste ich allerdings endlich, dass ich Alkoholiker bin und genauso wusste ich, dass ich eine Entscheidung treffen musste. Leben oder Sterben. Ich Entschied mich für das Leben, welches doch im Grunde schön ist. Trotzdem war ich angespannt, weil ich wusste, dass ich meinen Geburtstag in der Klinik verbringe. Ich wusste, dass mein Trennungsschmerz in mir saß und trotz allem wollen, war der Wunsch nach Alkohol absolut präsent. Die Klinik, entließ mich damals bewusst, erst einen Tag nach meinem Geburtstag.

 

Trotz allem denken, wie schlimm er werden könnte, war mein Geburtstag letztlich gar nicht so schlecht. Es war der erste, den ich Bewusst wahrgenommen habe. Trocken und ohne Alkohol gefeiert habe. Die ganze Station wusste damals Bescheid, dass mich meine Mutter, Hans und meine Großmutter, sowie eine Freundin besuchen kommen. Ich erinnere mich noch heute an diesen Tag, also war er tatsächlich nicht so schlimm. Es gab Kaffee und Kuchen und wir saßen circa zwei Stunden in der Cafeteria. Das Wetter war sonnig und warm. Damals sagte ich zu mir, dass ich meinen nächsten Geburtstag nicht in einer Klinik verbringe und Definitiv Abstinent feiern werde. Ich glaube, dass ich damals bereits, gedanklich am Planen gewesen bin. Aber von all dem abgesehen, schrieb ich damals folgenden Satz in meinem Blog: „…es waren schöne zwei Stunden, wenn ich auch anfangs überfordert gewesen bin, konnte ich in dieser Zeit den Klinikalltag vergessen…!“. So war es auch. Zwar saß ich am Abend noch lange draußen, alleine für mich und wartete darauf, dass vielleicht, doch Anna um die Ecke kommen würde. Immerhin, war es damals ein Brandaktuelles Thema und ich schindete noch immer Hoffnung in der Beziehung.

 

Das letztlich alles anders kam, als ich dachte, wusste ich zu diesem Zeitpunkt natürlich nicht. Wie auch? Aber ich wusste, trotz allem, wohin mein Weg geht. Unbewusst konnte ich ihn spüren. Natürlich waren die ersten Wochen nach meiner Entlassung, alles andere als einfach. Geplagt von Kummer und Sorgen, gestresst und genervt, aber ein Ziel: Die Langzeit-Therapie. Damals hatte ich sie beantragt und fünfzehn Wochen bekommen. Leider konnte ich nicht nahtlos, dorthin wechseln. Aber ich vertraute mir und kämpfte darum, die Zeit bis zur Aufnahme trocken zu überstehen. Ich habe es auch geschafft, trotz Hürden. Allerdings nur mit Ambulanter Hilfe durch meine Selbsthilfegruppe und ganz klar, durch meine Sozialpädagogin. Damals schrieb ich auch, wie heute und einige wissen sicherlich, welche Arbeit hinter mir steckte.

 

In der Zeit, bis zum Beginn der Langzeit am 8. Oktober 2015, wurde klar, dass die Beziehung mit Anna, ein endgültiges Ende fand und ich einen Neustart begann, mit einer neuen Wohnung. Damals renovierte ich dort ohne Hilfe, anderen. Bewusst, um Ruhe zu haben und am Ende sagen zu können, das war meine Arbeit. Ich fing an zu leben, ich begann die Welt zu genießen, mich nicht mehr beeinflussen zu lassen und war mir sicher, dass ich es schaffe. Sicher Abstinent zu leben. Meine Wohnung war ein Traum, auch wenn der Umzug Horror gewesen ist. Trotzdem habe ich es geschafft. Natürlich hatte ich Freunde, Freunde, die ich heute auch noch habe und diese auch als solche bezeichnen kann. Selbst dann, wenn man nicht täglichen Kontakt hat. Ich bekam viel Mut zugesprochen und auch meine Leser waren beeindruckt, von dem was ich schaffte.

 

Meine Langzeit habe ich angetreten, meinen Koffer ausgepackt um ihn am nächsten Tag wieder zu packen. Ich war nicht in der Lage, diese durchzuziehen. Mir ging es gut. Mir ging es endlich mal richtig gut. Ich wusste, dass ich die Therapie nicht durchziehen würde oder eher, mich nicht auf diese einlassen könnte. Dieser Meinung waren auch die Therapeuten und somit wurde ich am nächsten Tag wieder abgeholt, musste die nächste wichtige Entscheidung treffen. Ich wusste aber auch, dass ich eben nicht wusste, ob sie richtig oder falsch sein würde. Aber es war mir klar, dass ich irgendwann die Antwort bekommen würde. Auch war mir klar, dass ich nicht geheilt bin und weiterhin Einzelgespräche annehme, sowie meine Selbsthilfegruppe Besuche. Ich war von mir überzeugt, dass es reicht. Ja. Ich war in meinem inneren Frieden, war mir sicher und dachte gar nicht mehr, an meinen Kummer. Ich dachte, bis hierher habe ich es ohne Therapie geschafft, also komme ich auch weiter.

 

Die Zeit verging, ich ging schnell in eine neue Beziehung. Alles schien gut zu laufen. Ich hatte einen neuen Job, den ich mir aus mehreren raussuchte, ich nahm vierundzwanzig Kilo ab, unternahm Ausflüge und ging alleine für mich in die Stadt. Gönnte mir meine Auszeit und blieb in vielen Situationen absolut ruhig. Ja, ich war die Ruhe selbst.

 

Zum Ende des Jahres fing es langsam an, dass sich das Blatt drehte. Aber ich merkte es noch nicht selber. In der Silvester Nacht kamen mir tränen und ich erinnerte mich an den harten Kampf, den ich führte und ich hatte Angst bekommen. Angst vor dem was kommen könnte. Aber auch zu diesem Zeitpunkt wusste ich, dass ich weiter an meinem Ziel arbeite, auch wenn ich eines bereits abschreiben musste. Als das neue Jahr anfing, setzte ich mit ach und krach meinen Weg weiter. Ich merkte nicht, dass ich meine Ruhe verlor und ich nur noch im Streit lebte, die Schuld nur bei mir suchte und alles dafür tat, dass es aufhört. Ich immer und immer wieder kämpfte, mich drehte und wieder stand. Ich fing wieder an zu denken über Dinge, die nicht gewesen sind. Bildete mir Meinungen und Urteilte. Ich vergaß mich und selbst der Shopping Bummel oder die Tasse Cappuccino machte mir keine Freude mehr. Ich war am Suchen, suchen nach meiner Ruhe, bald krampfhaft und versteift. Ich fühlte mich nicht beachtet und verdrängt. Ich tauchte wieder in die Welt, in der alles schlecht gewesen ist. Ein Trinkwunsch folgte in den anderen und nachdem der Teufel damit nicht siegen konnte, kamen die Planungen des trinkens und der Saufdruck wurde stärker.

 

Ich versuchte zu Reden. Ich versuchte Stark zu sein, ich verspielte meine Karten, ohne Rücksicht. Ich hatte noch Energie und Kraft, die ich irgendwann auf den Tisch knallte und gnadenlos verspielte. Ja, ich habe die Gefahren unterschätzt. Ich habe die Sucht nicht mehr ernst genommen. Nicht mehr auf Menschen gehört, die mich warnen wollten. Ich war mir sicher und dachte immer wieder an die Zeit davor, wie es war, solch eine innere Ruhe zu haben. Ich wusste, dass ich wieder dorthin kommen MUSS. Zeit? Ich hatte keine mehr. Geduld? Wurde wieder ein Fremdwort. Ich konnte sicherlich tausende Warnsignale eines Rückfalls aufzählen, genauso wie ich wieder tausende Gründe fand, um zu trinken. Rückfall war damals mein aktuelles Thema, über das ich immer wieder redete. Wahrscheinlich um alle darauf vorzubereiten und mir den Freibrief, damit geben konnte. Die Situationen spitzten sich zu, die Schnur um meinen Hals wurde größer.

 

Es war im März, dieses Jahrs. Meine Ex-Freundin erzählte mir damals etwas Vertrauliches. Etwas was mich berührte, nachdem wir wieder einen großen Streit hatten. Am nächsten Tag wollte sie alleine sein und genau das, ließ mir keine Ruhe. Ich wusste, dass wenn ich alleine bin, der Rückfall vorprogrammiert ist. Als ich dann am nächsten Tag fuhr, saß ich keine fünf Minuten zuhause um die Entscheidung zu treffen, Alkohol zu besorgen. So war es auch. Ich holte nicht eine Flasche, gleich acht Flaschen und dazu zwei kurze. Ouzo. Mit dem ersten Schluck, stellte sich eine innerliche Ruhe ein. Der Teufel hatte gewonnen und ich fühlte mich Schwach. Ich trank die ersten zwei Flaschen rasend schnell und gleich einen kurzen hinterher. Das war der Startschuss. Ich wusste genau, dass ich nach über sechs Monaten Abstinenz, wieder gefallen bin. Aber es war mir egal. Ich dachte, jetzt brauch ich auch nicht mehr aufhören. So viel ich in mein altes Muster, binnen Stunden. Ich rief meine Ex in der Nacht an und drohte. Ich glaubte gar nichts mehr und es brauchte die halbe Nacht, als ich volltrunken in mein Bett gefallen bin und tatsächlich glaubte, die Welt sei in Ordnung. Natürlich war alles leer getrunken, auch der Nachschub, den ich mir irgendwann besorgt habe. Ich weiß bis heute nicht mehr, alles.

 

Mit diesem Rückfall, war meine Beziehung beendet und ich redete mir ein, dass ich jetzt auch weiter trinken könnte. Damals war ich nur wegen der Beziehung zwei Tage in der Klinik. Dann hatte ich mich entlassen um zum nächsten Supermarkt zu gehen. Mir war es egal. Mein Leben wurde mir wieder gleichgültig. Ich war der Meinung, dass der Alkohol zu mir gehört. Es schmeckte doch. Auch wenn alles schlecht gewesen ist. Die ganze Situation eskaliert ist, man mich verurteilte und beleidigte. Schicksal. Der Alkohol war da.

 

Es dauerte nicht lange, da verlor ich meinen Job, gab Geld aus, was ich nicht besitzte, machte Schulden und verkroch mich alleine in meine Wohnung, wo ich so stolz gewesen bin, dass diese Alkoholfrei bleibt. Ich ließ mich gehen und sorgte nur für Ordnung. Aber ich bemerkte schnell, dass ich es bereute, damals die Langzeit nicht gemacht zu haben und bekam meine Antwort. Die damalige Entscheidung war falsch. Ich wusste, dass ich nur eine einzige letzte Chance habe. Somit beantragte ich, dank Hilfe meiner Sozialpädagogin und meiner Selbsthilfegruppe die zweite Langzeit-Therapie.

 

Es dauerte drei Monate bis zu meiner Aufnahme und ich bekam nochmals fünfzehn Wochen genehmigt. Es war meine zweite Chance, ich wusste es. Ich trank in dieser Zeit weiter und die Menge wurde wöchentlich mehr. Ich ließ am Anfang den Schnaps wieder Weg, trank knappacht bis zehn Flaschen Bier. Zum Schluss waren es zwölf bis vierzehn und eine Flasche Ouzo in drei bis vier Tagen. Ich führte so manche Gespräche, wo mir angebliche Freunde erzählten, dass ich nicht Abhängig bin. Es sei nicht schlimm zu trinken, zwischendurch. Ich würde es mir nur einbilden. Ich ging zwischendurch in einer Kneipe arbeiten. Setzte mich nicht mehr mit mir auseinander. Ich wartete förmlich, auf Tag X und die Therapie. Fand Gründe zum Trinken und verletzte sicherlich, den einen oder anderen Menschen. Drängte mich in Situationen, die noch heute ungelöst sind. Der Alkohol glaubte gewonnen zu haben, doch unbewusst, war doch mein Herz stärker und der Kampf war noch lange nicht verloren.

 

Somit trat ich vor acht Wochen meine Langzeit-Therapie an. Verarbeite mein erlebtes, meine Vergangenheit und habe diese zum ersten Mal Akzeptiert. Ich habe verstanden, wo mein Problem liegt und arbeite täglich an mit. Ich beginne mich auseinanderzusetzen, mit schweren und scheinbar unlösbaren Aufgaben. Ich Akzeptiere und bin dabei, mir selber zu vergeben. Ich erfahre Hilfe und lerne, diese anzunehmen. Ich darf erfahren, welche Situationen mich Triggern und bekomme die Chance zu erlernen, mit welchen Skills, ich mich befreien kann. Doch auch wird mir klargemacht, dass die Arbeit, nach der Therapie noch lange nicht vorbei ist. Ich weiß, dass ich nicht mehr Blind durch die Welt rennen kann und ebenso nicht zu Sicher werden darf. Ich habe hier in der Therapie somit, bereits einiges lernen können, auch wenn ich sicherlich keine Lust mehr habe und mich manchmal alles hier nervt. Aber es ist ok, auch diese Situation, akzeptiere ich, weil ich weiß, dass es alleine meine Arbeit ist, alleine mein Leben, welches ich wiederaufbaue. Von vorne starte. Ich weiß, dass nicht immer alles so laufen wird, wie ich es gerne hätte, aber ich weiß, dass ich dafür sorgen kann das es in die Richtung gehen kann und ich mit negativen Gedanken, sicherlich auch negatives erreiche. Mein Therapeut hat da einen guten Ansatz: „Problemorientiertes denken, führt zu Problemorientierten Handeln. -> Lösungsorientiertes Denken, führt zu Lösungsorientiertes Handeln“!

 

Im Moment sind sicherlich noch einige Baustellen und ich werde sicherlich nicht das Wort in den Mund nehmen, dass alles wunderbar ist, aber was ich sage ist, dass ich Lebe und das Leben nicht schlecht ist. Wie ich damals sagte, es gibt immer etwas Schönes und in allem steckt genauso etwas Positives. Das durfte ich diese Woche in der Gruppentherapie hautnah erleben. Auch ist mir bewusstgeworden, mich von dem zu entfernen, was mir nicht guttut.

 

So, nun beende ich diesen letzten Tag und starte in die Nacht und den morgigen Tag. Ich bin gespannt wie er wird. Auch wenn ich sicherlich etwas traurig bin, hier zu sein, so weiß ich, dass ich am Freitagnachmittag wieder zuhause bin und Samstag im kleinen Kreis sitzen werde. Natürlich nur mit Kaffee und Kuchen.  

17.8.16 16:17

bisher 0 Kommentar(e)     TrackBack-URL