Endstation-Suchtstation

Tag 28 - Die Tagesfahrt

…und auch dieser Tag geht zu Ende. Es war ein schöner Tag. Ein Tag, an dem ich diesen „Klinik-Alltag“ für ein paar Stunden vollkommen ausblenden durfte und auch konnte. Wie ich schon vor ein paar Tagen geschrieben habe, hatte ich heute nach etwas über vier Wochen meine erste Fahrt nachhause. Zwar nur für einen Tag und ohne Übernachtung, aber immerhin von heute Morgen bis eben.

 

Meine Nacht war relativ unruhig. Es lag allerdings nicht an meiner Aufregung, sondern eher daran, dass ich zum wiederholten Mal, Magenschmerzen hatte. Dementsprechend bin ich freiwillig um halb sieben aufgestanden. Na gut, es war sicherlich auch die Aufregung und leichte Anspannung, genauso wie die Freude auf „Zuhause“, weshalb ich tatsächlich freiwillig wach geblieben bin. So konnte ich meinen Tag gemütlich starten, zwar mit Schmerzen, aber immerhin. Diese waren mir relativ egal. Bevor ich allerdings die Klinik verlassen habe, hatte ich mir vorher noch eine Tablette geben lassen. Brachte leider nichts.

 

Meine Freundin war Pünktlich und ich fuhr mit ihrem Auto in Richtung Heimat. Es war ein schönes Gefühl nun nachhause zu fahren. In meine Heimat, die ich wirklich vermisse. Es war genauso schön, einfach mal hier rauszukommen und in das „Normale“ Leben zurück zu kehren. Klar, meine Freundin freute sich genauso. Heute Morgen waren wir zum Frühstück bei meiner Mutter eingeladen. Es war ein genauso entspannter Morgen, aber ich merkte einen großen Unterschied. Ich habe gefrühstückt, außerhalb der Klinik und relativ zur gleichen Zeit wie hier. Außerdem, war ich vollkommen klar und nüchtern. Es war schön. Überhaupt habe ich alle Eindrücke genossen und förmlich aufgesaugt. Ich bestaunte alles, was ich sah, in meiner Heimat. Was hatte sich verändert? Was ist neu? Treffe ich irgendwelche Leute, die ich kenne? Ich strahlte in der ersten Zeit, trotz schmerzen. Die waren mir irgendwie egal.

 

Meine Freundin wohnt nicht weit von meiner Wohnung entfernt. Nachdem Frühstück bei meiner Mutter fuhren wir zu mir. Ich war nur kurz in meiner Wohnung, guckte überall rum und sah mit erschrecken, dass ich nicht wirklich meine Wohnung hinterlassen habe, wie ich dachte. Ich glaubte alles wäre geputzt und aufgeräumt. Naja, im Suff, wäre es wohl ordentlich gewesen. Zumindest für mich. Es waren 140 leere Bierflaschen, die meine Freundin und meine Mutter vor einigen Tagen Weg gebracht haben. Als ich meine Küche betrat, viel mir sofort der vierte Karton auf, der ebenso voll mit Flaschen gewesen ist. Naja, wusste meine Freundin nicht, hatte sie ja gut versteckt. Auch die volle Tüte, draußen auf meinem Balkon, viel niemanden auf. Nachdem ich alles begutachtet habe, drehte ich mich um, las es sacken und ging mit zu meiner Freundin.

 

Es war ein schöner Vormittag und Nachmittag. Wir aßen zu Mittag und ich bekam nach langem mal wieder etwas gekocht. Vollkommen ohne Probleme, es war wie eine Selbstverständlichkeit, die ich in dieser Form nicht kannte. Das es dann auch noch schmeckte war ein Highlight. Wir genossen die Zeit und ich lernte einen Teil ihrer Familie kennen. Wir lachten und hatten unseren Spaß und ich muss immer wieder sagen, egal wie anstrengend es manchmal war, dachte ich kaum an den Alltag hier in der Klinik.

 

Na gut, ich kam einen Moment in eine Situation hinein, die tatsächlich nicht gerade einfach war. Ich ging später nochmal alleine zurück in meine Wohnung. Ich genoss diesen Moment, auch wenn sicherlich etwas Traurigkeit da war. Klar, wäre ich lieber zuhause geblieben. Als ich allerdings den Kühlschrank aufmachte und die volle Flasche Bier entdeckte, musste ich einige Sekunden überlegen. Ich nahm holte sie raus. Eiskalt. Ich überlegte nicht lange und öffnete die Flasche, ging in die Toilette und kippte die Flasche über der Toilette aus. Ich merkte das es sich gut anfühlt, aber eine gewisse Unsicherheit machte sich breit. Ich wusste in diesem Moment, warum es noch immer gut ist, die Therapie zu machen, doch machte ich einen großen Schritt, weder roch ich an dem Bier, noch kam ich auf den Gedanken zu trinken. Es war eher die Unsicherheit, darüber was ich im ersten Moment machen sollte. Gerade weil ich nicht damit gerechnet habe. Aber es war ok. Ich packte noch ein paar Klamotten zusammen und ging zurück zu meiner Freundin.

 

Natürlich ist es schwer, wieder zurück zu fahren. Nicht zuhause bleiben zu dürfen. Natürlich kommt auch der Gedanken, wenn man zurück in der Klinik ist, dass man noch eine lange Zeit hier ist und man glaubt, dass sich diese Zeit, eben langsam weiterdreht. Wie ein halbes Leben. Das ist vollkommener Quatsch, ich weiß. Auch die letzten Minuten zuhause, gingen nicht Spurlos vorbei. Ich möchte das positive sehen und mich mit dem versuchen zufrieden zu geben, was ich habe. Oder eher hatte. Es war ein toller Tag, den ich mit allen Zügen genossen habe. Es ist hier meine Zeit, die ich eben brauche. Für mich und meine Zukunft. Der Tag wird kommen, wo ich zuhause bleiben werde, sicherer stehe und nicht mehr zurückmuss.

 

Stück für Stück. Bald wird auch die erste Heimfahrt kommen, mit Übernachtung zuhause. Auch das wird nochmal anders. Klar. Es ist eben ein Prozess, den ich gehe, freiwillig für mich. Mein Gott, das Leben ist schön und trotz aller Traurigkeit wieder hier zu sein, ziehe ich all die Erinnerungen, die mir guttaten, in meinem Kopf nach vorne und muss dabei wieder lächeln und freue mich. Auf das was kommt, das was ich heute habe und verzeihe mir, dass, was gewesen ist. Schritt für Schritt.

 

So. Den Abend lasse ich noch ruhig ausklingen, nachdem es eben super leckeres türkisches Essen gab. Ein Mitpatient hat die halbe Nacht und den ganzen Tag gekocht. Frisch und wirklich super lecker. Kassler in Blätterteig mit „Brauner Soße“. Dass muss ich mir auch merken, gab es nämlich heute Mittag. Und „zum Mitnehmen“ von meiner Mutter gab es Schinken Muffins. Ja, irgendwie funktioniert das noch nicht so recht, mit dem abnehmen. Ist ja auch egal. Hauptsache man lebt ;-).

17.7.16 19:53

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