Endstation-Suchtstation

Tag 17 & 24 - Mein Tattoo & Ich bin im Prozess

TAG 24

Bestimmt haben mich einige bereits vermisst? Wenn nicht, dann ist das sicherlich auch nicht tragisch. Heute ist Tag Nummer 24. Vor sechs Tagen hatte ich bereits einen kurzen Blog geschrieben, ihn aber nicht öffentlich gestellt. Am Ende diesen Blogs, findet ihr Tag Nummer 17.

In den letzten Tagen habe ich mich Hauptsächlich mit mir beschäftigt. Ich habe wirklich wenig bis gar nicht geschrieben, nur zwischendurch auf meiner Facebook-Seite, um mitzuteilen das ich noch lebe. Ganz sicher, ich bin auch noch in der Langzeit-Therapie. Ich denke auch nicht daran, diese abzubrechen. Absolut nicht. Auch wenn sicherlich die Sehnsucht nach „Zuhause“ wächst. Ich glaube das ist völlig normal. Trotzdem habe ich hier in der Klinik, einen guten Anschluss gefunden. Ja, ich bin hier angekommen. Es war bis heute zwischendurch ein harter Kampf und ich stehe sicherlich noch immer, ziemlich am Anfang meiner Therapie. Aber sicherlich nicht mehr an dem Stand, wie er am ersten oder fünften Tag gewesen ist. Ich habe mich auf den Prozess der Therapie eingelassen und mich meinem Therapeuten geöffnet, genauso wie einen gewissen teil, meiner Gruppe. Ich habe gemerkt, dass mein Misstrauen, hier wirklich keinen Platz hat und auf einer gewissen Art auch nicht gerechtfertigt ist. Jedenfalls nicht in der kleinen Gruppe (Wir sind nur sieben) und bei meinem Therapeuten.

In den letzten Tagen wurde mir Bewusst, welches Problem ich habe oder eher, wo der Ursprung meiner Sucht liegt. Wo meine Erfahrungen und mein erlebtes mich zur Ohnmacht trieben, die sich schleichend durch mein Leben zog. Erlebtes das nicht vergessen ist und schon gar nicht verarbeitet. Etwas, wo in den letzten Jahren, immer wieder etwas hinzukam, was mich erstarren ließ. Aus Angst, Wut und Trauer, wurde der Alkohol wohl zu meinem Freund. Jemand der mich nicht mehr nachdenken ließ, wenn ich nachdachte und jemand, den ich letztlich an meiner Seite haben musste, selbst dann, wenn es mir gut ging. Scheinbar, jedenfalls.

Trotzdem gab es in der Vergangenheit Situationen, die mich erschüttern ließen, Erinnerungen aufrissen und ich mit der Ohnmacht, einen Schutz aufgebaut habe. Einen Schutz für mich alleine, ein verdrängen und ebenso eine tickende Zeitbombe, die nur darauf wartete in die Luft zu gehen. Der Alkohol nahm mir in dieser hinsicht, meine grenzen. Bestimmt war auch dieses große verlangen nach einem Ankommen. Vielleicht verletzte ich deswegen manche Menschen. Wo ich letztlich feststellen musste, dass es nicht „das“ war.

Die Vergangenheit hat ihre Narben gelassen und ich erinnere mich an viele Situationen, an denen ich „Machtlos“ gewesen bin. Wo mir vielleicht manchmal, aussprachen geholfen hätten. Aber vielleicht wäre es auch genau gegenteilig gewesen. Mag sein, dass die Situationen, sich verschlimmert hätten.

Mein Thema, kenne ich nun, was sicherlich nicht „mal eben“ behandelt werden kann. Ich merke in den Einzelgesprächen, diese enorme Belastung und das arbeiten in meinem Kopf. Auch wenn die Therapie, Stück für Stück geht und nicht sofort alles auf den Tisch geknallt wird. Auch aus diesem Grunde, merke ich wie wichtig es ist, diese Therapie Stationär zu machen. Als ich am Anfang erzählte, dass ich vielleicht in die ambulante Therapie wechsel, muss ich mich heute korrigieren. Das wird für mich persönlich, keine Option. Ich möchte diese Zeit hier nutzen. In einem Rahmen, wo ich die ersten Schritte gehe und somit wieder anfange zu gehen.

Es gibt immer wieder Momente, wo mir die Tränen in die Augen schiessen. Sei es in der Gruppe oder in den Einzelgesprächen. Es gibt auch andere Situationen. Wie zum Beispiel Verabschiedungen. Man hört und sieht, wie sich manche hier entwickelt haben und sicherlich nicht mehr da sind, wo sie angefangen haben. Manche bekommen ein riesen tief, andere ein großes hoch. Manche freuen sich auf die Entlassung, andere sind vom ersten Tag froh, hier zu sein. Es gibt welche die sich zurück ziehen, die man nicht so oft sieht, andere die verdammt aktiv sind. Es gibt ruhige Tage und Tage an denen wir viel lachen. Manchmal kann ich mich in andere hinein versetzen, gerade wenn jemand neu angekommen ist und den Tränen nah ist. Wie am Montag. Er aß nichts, hatte glasig Augen und starte auf einen Punkt. Ich unterhielt mich kurz mit ihm und erzählte, wie mein erster Tag war. Ich verstand ihn. Als ich sagte, dass ich mehrmals überlegte den Koffer auszupacken, guckte er mich an. Ich sprach zu ihm „Du auch?!“. „Ja!“ sagte er. Ich machte ihm Mut, mit einem Spruch. „Sei mutiger als die Angst es ist und vergesse deine Ziele nicht!“. Er schaute mich an, grinste kurz und kam später am Nachmittag in die Cafeteria und erzählte mir, dass er seinen Koffer ausgepackt hätte. Er ist immer noch da. An meinem ersten Tag, war keiner da, der mir Mut machte. Jedenfalls keiner von meinen Mitpatienten. Man wurde erstmal angestarrt und war „der Neue!“. Sicherlich wäre es für mich ein Stück erleichternd gewesen. Aber ich war für mich da und Stark genug, die ersten Tage zu überstehen und meinen Kopf zu überwinden.

Ich weiß eben, dass es sich lohnt und es eine Bereicherung für mich ist. Das ist Glück, glück hier sein zu dürfen und eine neue Chance zu bekommen, etwas für sich zu verändern. Neue Schritte zu gehen. Ich sehe es nicht mehr als eine „Bestrafung“ oder ein „da muss ich durch“. Es ist „Glück“ und „da will ich durch!“. Klar, auch mit der Frau, die ich kennenlernte, habe ich Glück. Auch dafür, ist es verdammt gut, hier zu sein.

Es liegt noch ein weiter Weg vor mir, aber heute bin ich eben Stolz auf mich, diesen auch zu gehen. Ich spreche nicht mehr von „hätte“, „Wenn“ und „Aber“. Die Vergangenheit kann man nicht mehr verändern, nur ordentlich verarbeiten. Schritt für Schritt. Da erinnere ich mich wieder an einen Spruch: „Aus einem kleinen Samenkorn, kann etwas großes wachsen!“. Ach da fällt mir noch ein, ich habe seit Montag endlich mein Einzelzimmer. Wunderbar. Klein aber fein und ich habe mich wirklich schön eingerichtet. So schön, dass ich mich zumindest in meinem Zimmer wohlfühlen kann und genauso auch zurückziehen darf. Bis Bald, da draußen!

 

 

TAG 17 

Wo ich vor circa einer Woche noch glaubte, ich wäre bereits sechs Wochen hier, so fängt es langsam an, dass die Tage wirklich wie im Flug vorbei rasen. Zwar habe ich das Gefühl immer noch, länger hier zu sein, aber so allmählich verfliegt auch das. Sonntag dachte ich noch „Was für eine lange Woche“ und heute ist bereits Tag siebzehn und Mittwoch, wobei beides so langsam endet. Somit hatten die anderen recht, die mir erzählten, dass die Zeit plötzlich rennt.

Wenn ich mir ebenfalls überlege, dass ich nur noch dreizehn Einzelgespräche habe, klingt es mittlerweile ebenfalls „wenig“. Theoretisch bin ich froh darüber, praktisch hoffe ich natürlich, dass die Zeit reicht. Ich glaube allerdings schon.

Ja, die letzten Tage waren sehr anstrengen. Es fängt an, mit der Kopfarbeit und ich merke wie verdammt anstrengend das ist. Es belastet mich und ich fange mehr und mehr an, zu grübeln, nachzudenken und genauso habe ich begonnen mich den Dingen zu stellen. Zwar ziehe ich mich aus meiner Gruppe etwas zurück, doch weiß ich, dass dies ganz schnell wieder geändert werden muss. Ich bekomme mit, wie enorm Wichtig diese Gruppentherapie ist, auch wenn ich langsam keine Lust mehr habe zu heulen, bzw. die Tränen zu unterdrücken. Auch das strengt an, meine Fassade aufrecht zu erhalten. Es ist fast Automatisch. Aber sie bröckelt und das verdanke ich in erster Linie meinen Einzeltherapeuten.

In mir tauchen plötzlich Gefühle auf, die ich selbst in meiner trockenen Zeit, nicht so, in Erinnerung habe, wie diese, die sich mir jetzt vorstellen. Es ist gut, natürlich, aber es ist auch genauso Neu und ungewohnt. Zudem verletzt es mich, meine lieben da draußen, mit einer schlechten Stimmung vorzutreten. Klar, erkläre ich mich immer wieder und genauso entschuldige ich mich auch. Es ist nun mal so, dass ich hier an mich arbeite und auch nur hier lerne, mit all dem positiv umzugehen. Ich weiß das es kein Dauer Zustand ist und ich weiß auch, dass ich meine Fortschritte hier machen werde. Mich verändere, aber im Grunde der Mensch bleibe und bin, der ich von Herzen bin.

Ich merke bereits jetzt, leichte Fortschritte. Es sind kleine, aber für mich bereits erkennbare. Ich war vor zwei Tagen das erste Mal wieder, alleine einen Cappuccino in einem Café hier im Ort trinken. Ich habe es genossen, wirklich genossen. Fast zwei Stunden lang. Ich ging durch jeden laden, schaute nach Anziehsachen und anderen Dingen. Ich kaufte etwas und schlenderte wieder durch die Straßen. Schaute hier und dort. Es war schön. Lange war es wieder anders. Aber es erinnerte mich daran, wie ich es damals schaffte und wie das Gefühl damals gewesen ist. Ich konnte einen Moment zur Ruhe kommen und das geschehene verarbeiten. Alleine für mich. Das war nötig.

Auch heute verließ ich in meiner Freizeit die Klinik. Ich nahm mir auch nach diesem schweren Tag vor, ins Solarium zu gehen, einen Termin beim Friseur zu machen und in einem Tattoo laden, nach einem passenden Tattoo zu schauen. Erstmal nur informativ. Dachte Ich. Solarium war ich, es war toll, Friseur kommt Samstag. UND mein Tattoo am 02. August. Ohja, ich freue mich. Es war eher Spontan. Ich wollte immer schon ein Tattoo haben, aber das schob ich immer nach vorne. Als ich gestern den Laden entdeckte, nahm ich mir vor, heute dorthin zu gehen und mich über Preise und Bilder zu informieren. Ich erzählte, was ich mir vorstelle und prompt bekam ich einen Termin. Ich fragte nochmal, ob der Termin zum Tätowieren wäre, der Künstler bejahte. Ich zahlte etwas an, ging raus und strahlte über beide Ohren. Hier in der Klinik, weiß es bereits jeder. Ja, ich freue mich darauf. Ich schiebe endlich mal nicht, sondern tue einfach etwas, was mir gefällt. Es ist eine Belohnung für mich. Für die Mühe und den Kampf. Na gut, ich versuche mir auch ein Teil schenken zu lassen, immerhin habe neun Tage nachdem tätowieren Geburtstag.

Das Tattoo ist noch nicht fertig, e wird gezeichnet. Meine Vorstellung teilte ich natürlich mit. Es wird nicht sehr groß und besteht aus fünf Sternen. Einen großen, der mich symbolisiert und vier kleine, die etwas Anderes darstellen. Fakt ist, dass dieses Tattoo mich an meine Zeit hier, erinnern soll und an etwas Anderem, dass mich hier in dieser Zeit begleitet und Kraft gibt. In ca. zwei Wochen schaue ich mir die Vorlage an. Ich bin wirklich gespannt. Allerdings erwarte ich schmerzen, beim Stechen. Das Tattoo kommt auf die rechte Brust. Aua. Aber egal.

Ich habe sicherlich noch einiges mehr zu erzählen, aber für heute mache ich vorerst Schluss. Ich werde gleich noch Fußball gucken und dann in mein Bett verschwinden. Die Tage hier, machen verdammt Müde. So Müde, dass ich mittags sogar schlafen könnte. Bleibt Tapfer und vergesst nicht, die Sonne geht jeden Morgen auf! Jeden!

 

 

13.7.16 16:37

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