Endstation-Suchtstation

Tag 11 - Das Paket

Es gibt Tage da habe ich wirklich kurzzeitig Probleme mit dem ersten Satz. Wie fange ich bloß meinen Blog an oder wie beginne ich mein nächstes Kapitel? Dann denke ich, einfach auf die Tastatur hauen und los schreiben. So wie gerade. Es ist kein Scherz, aber dann fliegen die Sätze plötzlich aus meinem Kopf, in die Tastatur.

Der elfte Tag neigt sich bereits dem Ende zu. Im Gegensatz zu gestern, war dieser Tag sehr ruhig. Seitdem ich in der Küche arbeite, hat sich mein Therapieplan etwas gelockert. Finde ich gar nicht mal so verkehrt. Na gut, dafür kommen die Wochenenden, an denen ich arbeiten muss. Imme im Wechsel. Samstag, eine Woche später Sonntag, dann frei. Dieses Wochenende wird allerdings etwas stressiger. Da viele aus der Küche auf „Heimfahrt“ sind, also nachhause fahren, sind wir nur zu dritt. Da muss ich Sonntag früh und Sonntagabend einspringen. Kein Problem, solange ich keinen Besuch erwarte. Besuch bekomme ich am Samstag von meiner Mutter und einem Freund.

Ich habe tatsächlich meine Leidenschaft im Schwimmen entdeckt. Das ist auch kein Scherz. Heute war ich wieder im Schwimmbad. Ich steigere mich. Jedes Mal, zwei Bahnen mehr. Heute waren es acht, also wie man merkt, befinde ich mich derzeit noch im „Aufbau-Stadium“. Aber nichts desto trotz macht es Spaß.

Während es heute relativ ruhig zuging, war gestern ein wirklich stressiger Tag. Wie ich schon mal schrieb, ist die Gruppentherapie, wirklich nicht einfach. Wir setzten das Thema „Vertrauen & Misstrauen“ fort und machten spielerisch Übungen die „Nähe & Distanz“ trainieren sollten. Tatsächlich musste ich eine Übung ablehnen. Dort sollte man sich ein Band um die Augen binden und sich von einem Partner durch den Raum führen lassen. Danach sollte gewechselt werden. Solch eine Übung ist nichts für mich, wenn ich dem Partner nicht vertraue. Ich stellte außerdem für mich fest, dass ich eher der Typ bin, der führt und die Verantwortung übernimmt, aber ungerne abgibt. Es gab andere in der Gruppe, die dieses Problem nicht hatten. Reflektiere ich mich selber, dann bestätige ich mich selber. Ich habe lieber die Kontrolle, als meine eigene abzugeben. Sicherlich ist es in einer Liebesbeziehung anders, obwohl ich da tatsächlich auch eher der Typ bin, der die Verantwortung übernimmt. Da sollte schon eine ausgeglichene Art sein, aber das funktioniert eben nur, wenn man vertraut. Für mich stellte ich letztlich feste, dass an diesem Thema gearbeitet werden muss.

Auch erzählte ich das Problem von meinem Zimmer, welches sich zurzeit am Auflösen ist. Sicherlich denkt ihr auch, ich wäre bekloppt. Aber mein Therapeut hat schon gut erkannt, worum es geht und es nicht daran liegt, dass ich keine Lust habe in einem Doppelzimmer zu leben. Es ist etwas tiefgründiger und ich merke wie enorm mich dieses Thema belastet. Klar kann ich mich auf die Therapie einlassen, aber sobald diese zu Ende ist, werde ich nervös. Ich kann selber nicht wirklich erklären, woran es liegt, nur das ich mich extrem unwohl fühle und auch ein großes Stück Angst dahintersteckt. Mit dem möchte ich allerdings nicht weiter ins Detail gehen. Es beginnt schon zuhause, wenn ein Freund bei mir schläft. Funktioniert nicht lange, obwohl vertrauen besteht. Vollkommen anders, ist es mit meinem Partner. Absolut problemlos. Da ist genau das Gegenteil. Auch wenn Kinder dabei sind, absolut das Gegenteil. Naja, ist ebenso. Fakt ist, dass ich weiterhin alleine bleibe und sehr wahrscheinlich bereits in der kommenden Woche umziehe und dieses Thema erledigt ist. Dann wird es mir deutlich bessergehen.

Jaaa, aber das beste kommt jetzt. Gestern Morgen schrieb mir meine Herzdame per WhatsApp und schickte mir ein Bild von hier. Ich flitzte sofort nach unten. Aber sie war nicht mehr da. Leider. Als ich am Empfang stand, schrieb sie mir, dass sie kurz da gewesen wäre und für mich ein Paket abgegeben hätte. Ich holte dies sofort und sprintete zurück auf mein Zimmer. Als ich das Paket öffnete kamen mir die Tränen. Als ich den dazu gehörigen Brief las, lies ich laufen. Es war so schön und das kenne ich so nicht. Ein Mensch, der knappe 30km für zwei Minuten fährt, weil ihm wichtig ist, dass ich das sofort bekomme. Überhaupt hinter mir steht, den Alkohol nicht vertritt, aber mich. Sicherlich kenne ich das schon, aber auf eine andere Art und Weise. In dieser Form nicht. In dem Paket waren Zigaretten, Zeitungen aus der Heimat, ihr Parfüm und ein neues Feuerzeug. Vielleicht sollte ich die Kaugummis ebenso erwähnen, vermutlich, weil sie nicht raucht. Da musste ich schon etwas grinsen, ich wusste genau, warum die Kaugummis. Aber es war ok. Es war wunderschön, auch wenn ich traurig war. Aber es gab mir genauso wieder neue Kraft, das hier durchzustehen. Ich glaube das ist es, was zählt. Jemanden der mich kennenlernt.

Unvoreingenommen und neutral. Naja, heute nicht mehr, ich denke da entwickelt sich etwas Schönes. Ich denke nicht, ich weiß es bereits. Aber klar, alles langsam. Heute hielt sie es auch nicht aus, ich allerdings auch nicht und kam für ein paar Minuten, nur für eine Umarmung und einen Kuss. Ich freute mich natürlich. Da aber unter der Woche, Besuch verboten ist, mussten wir uns kurzhalten. Es war schön. Wirklich. Mein Lächeln kommt diesbezüglich zurück, auch wenn ich noch etwas vorsichtig bin. Natürlich steckt da Angst hinter, wieder enttäuscht zu werden. Es wäre eben nicht das erste Mal. Aber irgendwie habe ich es im Bauch, dass es endlich etwas Ernstes ist. Auch wenn sicherlich noch einiges an Arbeit dahintersteckt. Ich erinnere mich da an ein Lied „Was wir alleine nicht schaffen…“.

Zeit und Geduld ist das kostbarste und auch das wichtigste, was man oft benötigt. Irgendwie finden wir beides, in vielen Situationen des Lebens wieder. Es spielt keine Rolle wo. Gerade jetzt, merke ich wie wichtig es ist, aber auch wie schwer es ist. Ich war eben nie ein Mensch, der Zeit hatte, geschweige denn Geduld. Aber es wird. Zumindest habe ich angefangen, auch darüber nachzudenken und gleichzeitig mich dies betreffend auch zu reflektieren.

Mitsicherheit ist hier nicht jeder Tag gleich, auch was meine Stimmung zwischendurch angeht. Es gibt Tage, da ist alles in Butter und es gibt wieder Tage, da schwankt meine Stimmung. Ich denke das ist zurzeit normal, einfach ist es eben nicht immer, hier in der Klinik. Sicherlich kommt noch die Sehnsucht an mein zuhause dazu. Aber ich hörte von anderen Patienten, dass dies normal ist und auch die ersten Wochen sich ziehen, aber dann die Zeit rasend schnell vergeht. Ich bin gespannt und will darüber nicht weiter nachdenken.

Für heute komme ich wieder zum Ende. Wie üblich Beende ich diesen Tag mit telefonieren und Fußball. Ich bin zwar kein Mensch dafür, aber Europameisterschaft, schaue ich doch ganz gerne mal. Bleibt sauber!

30.6.16 19:37

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