Endstation-Suchtstation

Über

Ja ich bin Suchtkrank. Ich bin Alkoholiker. Süchtig nach einer Droge, die wir überall, an jedem Kiosk, an jeder Tankstelle, in jedem Supermarkt, und in jeder Kneipe bekommen können. Ich war in einer Suchtklinik und mochte mit anderen mein erlebtes teilen. Was es heisst Alkohol, als Suchtstoff zu konsumieren. Ist es wirklich nur ein Spass und etwas "normales"? Was macht der Alkohol mit uns? Warum trinken wir überhaupt? Ich erzähle die Tage meines Entzuges, wie mein Leben weiter geht und wie ich den Kampf gegen den Alkohol angehe und durchlebe. Um alle Personen in diesem Blog und in meinem Buch zu Schützen, sind Namen, sowie Orte frei erfunden. Alle Erzählungen entsprechen der Wahrheit. Ich schreibe meine Gedanken und meine Gefühle. Wie ich die Tage erlebe. Ich nutze das "Medium" schreiben, als meine Selbsttherapie und versuche offen mit meiner Erkrankung umzugehen, sowie anderen Menschen Mut zumachen. Etwas zu verändern und zu verdeutlichen!

Alter: 27
 


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Blog

Tag 32 - Das kommende Wochenende

Mittlerweile sind fast zweiunddreißig Tage vorbei. Eine Menge, allerdings liegen auch sicherlich noch drei Mal so viel, vor mir. Naja, morgen wären es noch zehn Wochen. Ok, ihr könntet den Eindruck bekommen, dass ich langsam die Tage nur noch abzähle und auf meine Entlassung warte. Das tue ich nicht, allerdings gibt es hier solche Listen, wo die Tage und Wochen draufstehen. Na gut, irgendwo zähle ich auch mit. Muss ich ehrlich zugeben. Aber es hat absolut keinen Einfluss auf meine Therapie. Meistens denke ich gar nicht daran. Nur am Abend, da kommen manchmal die Gedanken, daran, wie die Zeit hiernach sein wird. Wie lange ich bereits hier bin und wie auch die Zeit gewesen ist, bevor ich hierherkam. Gerade die Vergangene Zeit. Es gibt viele Dinge, die ich bereue. Sachen, die ich im klaren Kopf, sicher nicht getan hätte und auch nicht riskiert. Aber es ist okay. Es ist so wie es ist und geschehenes kann man nun mal nicht mehr ändern. Heute bin ich über jeden einzelnen Tag dankbar, mag er auch noch so stressig und Katastrophal sein. Mögen Tränen fließen oder auch nicht. Ich stehe jeden Morgen im trockenen Zustand auf. Ohne Kreislauf Probleme oder Übelkeit. Kein Zittern und kein denken, an die nächste Flasche Bier oder den nächsten klaren.

Ein tolles Gefühl. Zwar schlafe ich keine einzige Nacht durch, aber das ist das kleinste Übel und wird mit der Zeit, sicherlich auch wieder besser.

Überhaupt, war diese Woche eine reinste Katastrophe. Stress ohne Ende. Heute war der erste Tag, an dem ich wirklich mal durchatmen konnte. Die anderen Tage waren zu geschüttet mit Terminen, von morgens sieben Uhr, bis abends um acht Uhr oder sogar neun. Dementsprechend gereizt und müde war ich natürlich. Aber es hat eben auch den Effekt, zu lernen mit genau solchen Situationen umzugehen und nicht in Aggressiven verhalten zu fallen. Zumindest denke ich so. Diese Woche, habe ich mich dieser auch gestellt, und habe letztlich nachgegeben. Meinen „Sturkopf“ losgelassen. Das war selbst in meiner trockenen Zeit, absolut ein „No Go“. Jedenfalls habe ich es so nicht geschafft und erst recht nicht versucht. Man muss also auch mal nachgeben. Bestimmt nicht immer, aber eben in bestimmten Situationen. Manchmal ist es auch so, dass man etwas aufnimmt, was nicht so gemeint ist, wie es gesprochen wurde. Versteht ihr? Jemand sagt etwas und man fühlt sich angegriffen. Schnell bewegt man sich auf eine ganz andere Schiene und fast es Negativ auf. Mag auch sein, dass es sicherlich daran liegt, wie gerade die Stimmung, in einem selbst ist. Wenn man Genervt und gereizt ist, passiert es natürlich schneller, als wie, wenn man genau das Gegenteil davon ist. Wie auch immer, ich denke in manchen Situationen muss und kann ich mich selber einmal loben.

Diese Woche wurden mir auch nochmal, ein paar Dinge bewusst und Bildlich dargestellt. Es ist auch noch eine ganz andere Nummer, als sich manche Situationen nur im Kopf auszumalen. Solch ein Schaubild, löst etwas ganz Anderes aus und plötzlich werden einen Moment und Situationen klar. Zwar schlagen sie mit voller Wucht ein und man fragt sich, warum, aber dafür bin ich auch hier. Manche Fragen beantworte ich mir, andere wiederrum nicht.

Ja. Solch ein Klinikalltag hat natürlich auch seine Schatten Seiten und sicherlich ist nicht immer alles so wie es sein soll. Fehler passieren eben manchmal. Gerade was manche Organisationen angeht. Auch nicht jeder Patient, ist genau „Der“ mit dem man sich gerne Unterhält. Jeder ist verschieden und manche sehen es hier wie ein Hotel und schimpfen auf höchsten Niveau. Aber wo gibt es das nicht? Natürlich gibt es Momente, wo man sich ärgert und genauso Momente an denen man einfach irgendwas durch die Gegend werfen möchte oder schreiend durch den Wald rennt. Ja, so ist das eben. Regeln gibt es, da wusste ich noch nicht mal, dass so etwas überhaupt existiert. Andere Dinge sind für einen vielleicht vollkommen klar und Selbstverständlich, für andere allerdings nicht. Daher gelten eben Regeln, ausnahmslos für alle. Das muss man eben Akzeptieren.

Aber es gibt etwas Tolles, was ich mitteilen möchte. Ich war heute bei meinem Therapeuten und fragte nach einer Tagesfahrt. Daraus wurde eine Heimfahrt, mit zwei Übernachtungen. Vollkommen ohne Probleme und das tollste war, dass ich danach nicht fragte, sondern mein Therapeut es mir zutraute. Natürlich frug er mich, ob auch ich mir das zutraue. Ich stimmte zu und fragte im gleichen Atemzug, ob ich im Notfall zurückkommen könnte, also auch in der Nacht. Seitens der Klinik ist dies sogar gewollt und für mich definitiv eine erste Option, wenn ich merke, dass es mir Zuviel wird oder ich einen enormen Saufdruck bekomme. Ich verbringe das Wochenende mit meiner Freundin, ich werde also auch nicht alleine sein. Aber mir ist vollkommen klar, dass ich sicher wieder zurückfahren werden, wenn es Zuviel wird.

Ja!! Ich freue mich wirklich riesig. Ich habe auch schon einige Planungen für das Wochenende. Ich werde ein paar Besuche machen und genauso auch Unterwegs sein, aber mir ebenso Zeit nehmen um mein Zuhause zu genießen. Morgen um vier Uhr nachmittags holt mich meine Freundin ab. Vorher habe ich volles Programm. Küchendienst, Unterricht und Sport. Knappe neun Stunden durch. Aber die Freude ist da und morgen Abend grille ich mit meiner Freundin zusammen. Nur wir und in Ruhe. Dann werde ich die Nacht zuhause genießen. Sonntag werde ich dann zum Abendessen wieder hier in der Klinik eintrudeln. Gestärkt und Motiviert in die neue Woche starten. Wir hören uns also Sonntag.

Es geht endlich Bergauf. Ich spüre das ich mich in einem Veränderung Prozess befinde. Er tut mir gut und ich kann mich auch endlich wieder ehrlich auf manche Dinge freuen. Ich spüre die Belohnungen für meinen Kampf. Das alleine gibt mir mehr Mut und Kraft, aber natürlich auch meine Familie. Wir lesen uns…

Tag 28 - Die Tagesfahrt

…und auch dieser Tag geht zu Ende. Es war ein schöner Tag. Ein Tag, an dem ich diesen „Klinik-Alltag“ für ein paar Stunden vollkommen ausblenden durfte und auch konnte. Wie ich schon vor ein paar Tagen geschrieben habe, hatte ich heute nach etwas über vier Wochen meine erste Fahrt nachhause. Zwar nur für einen Tag und ohne Übernachtung, aber immerhin von heute Morgen bis eben.

 

Meine Nacht war relativ unruhig. Es lag allerdings nicht an meiner Aufregung, sondern eher daran, dass ich zum wiederholten Mal, Magenschmerzen hatte. Dementsprechend bin ich freiwillig um halb sieben aufgestanden. Na gut, es war sicherlich auch die Aufregung und leichte Anspannung, genauso wie die Freude auf „Zuhause“, weshalb ich tatsächlich freiwillig wach geblieben bin. So konnte ich meinen Tag gemütlich starten, zwar mit Schmerzen, aber immerhin. Diese waren mir relativ egal. Bevor ich allerdings die Klinik verlassen habe, hatte ich mir vorher noch eine Tablette geben lassen. Brachte leider nichts.

 

Meine Freundin war Pünktlich und ich fuhr mit ihrem Auto in Richtung Heimat. Es war ein schönes Gefühl nun nachhause zu fahren. In meine Heimat, die ich wirklich vermisse. Es war genauso schön, einfach mal hier rauszukommen und in das „Normale“ Leben zurück zu kehren. Klar, meine Freundin freute sich genauso. Heute Morgen waren wir zum Frühstück bei meiner Mutter eingeladen. Es war ein genauso entspannter Morgen, aber ich merkte einen großen Unterschied. Ich habe gefrühstückt, außerhalb der Klinik und relativ zur gleichen Zeit wie hier. Außerdem, war ich vollkommen klar und nüchtern. Es war schön. Überhaupt habe ich alle Eindrücke genossen und förmlich aufgesaugt. Ich bestaunte alles, was ich sah, in meiner Heimat. Was hatte sich verändert? Was ist neu? Treffe ich irgendwelche Leute, die ich kenne? Ich strahlte in der ersten Zeit, trotz schmerzen. Die waren mir irgendwie egal.

 

Meine Freundin wohnt nicht weit von meiner Wohnung entfernt. Nachdem Frühstück bei meiner Mutter fuhren wir zu mir. Ich war nur kurz in meiner Wohnung, guckte überall rum und sah mit erschrecken, dass ich nicht wirklich meine Wohnung hinterlassen habe, wie ich dachte. Ich glaubte alles wäre geputzt und aufgeräumt. Naja, im Suff, wäre es wohl ordentlich gewesen. Zumindest für mich. Es waren 140 leere Bierflaschen, die meine Freundin und meine Mutter vor einigen Tagen Weg gebracht haben. Als ich meine Küche betrat, viel mir sofort der vierte Karton auf, der ebenso voll mit Flaschen gewesen ist. Naja, wusste meine Freundin nicht, hatte sie ja gut versteckt. Auch die volle Tüte, draußen auf meinem Balkon, viel niemanden auf. Nachdem ich alles begutachtet habe, drehte ich mich um, las es sacken und ging mit zu meiner Freundin.

 

Es war ein schöner Vormittag und Nachmittag. Wir aßen zu Mittag und ich bekam nach langem mal wieder etwas gekocht. Vollkommen ohne Probleme, es war wie eine Selbstverständlichkeit, die ich in dieser Form nicht kannte. Das es dann auch noch schmeckte war ein Highlight. Wir genossen die Zeit und ich lernte einen Teil ihrer Familie kennen. Wir lachten und hatten unseren Spaß und ich muss immer wieder sagen, egal wie anstrengend es manchmal war, dachte ich kaum an den Alltag hier in der Klinik.

 

Na gut, ich kam einen Moment in eine Situation hinein, die tatsächlich nicht gerade einfach war. Ich ging später nochmal alleine zurück in meine Wohnung. Ich genoss diesen Moment, auch wenn sicherlich etwas Traurigkeit da war. Klar, wäre ich lieber zuhause geblieben. Als ich allerdings den Kühlschrank aufmachte und die volle Flasche Bier entdeckte, musste ich einige Sekunden überlegen. Ich nahm holte sie raus. Eiskalt. Ich überlegte nicht lange und öffnete die Flasche, ging in die Toilette und kippte die Flasche über der Toilette aus. Ich merkte das es sich gut anfühlt, aber eine gewisse Unsicherheit machte sich breit. Ich wusste in diesem Moment, warum es noch immer gut ist, die Therapie zu machen, doch machte ich einen großen Schritt, weder roch ich an dem Bier, noch kam ich auf den Gedanken zu trinken. Es war eher die Unsicherheit, darüber was ich im ersten Moment machen sollte. Gerade weil ich nicht damit gerechnet habe. Aber es war ok. Ich packte noch ein paar Klamotten zusammen und ging zurück zu meiner Freundin.

 

Natürlich ist es schwer, wieder zurück zu fahren. Nicht zuhause bleiben zu dürfen. Natürlich kommt auch der Gedanken, wenn man zurück in der Klinik ist, dass man noch eine lange Zeit hier ist und man glaubt, dass sich diese Zeit, eben langsam weiterdreht. Wie ein halbes Leben. Das ist vollkommener Quatsch, ich weiß. Auch die letzten Minuten zuhause, gingen nicht Spurlos vorbei. Ich möchte das positive sehen und mich mit dem versuchen zufrieden zu geben, was ich habe. Oder eher hatte. Es war ein toller Tag, den ich mit allen Zügen genossen habe. Es ist hier meine Zeit, die ich eben brauche. Für mich und meine Zukunft. Der Tag wird kommen, wo ich zuhause bleiben werde, sicherer stehe und nicht mehr zurückmuss.

 

Stück für Stück. Bald wird auch die erste Heimfahrt kommen, mit Übernachtung zuhause. Auch das wird nochmal anders. Klar. Es ist eben ein Prozess, den ich gehe, freiwillig für mich. Mein Gott, das Leben ist schön und trotz aller Traurigkeit wieder hier zu sein, ziehe ich all die Erinnerungen, die mir guttaten, in meinem Kopf nach vorne und muss dabei wieder lächeln und freue mich. Auf das was kommt, das was ich heute habe und verzeihe mir, dass, was gewesen ist. Schritt für Schritt.

 

So. Den Abend lasse ich noch ruhig ausklingen, nachdem es eben super leckeres türkisches Essen gab. Ein Mitpatient hat die halbe Nacht und den ganzen Tag gekocht. Frisch und wirklich super lecker. Kassler in Blätterteig mit „Brauner Soße“. Dass muss ich mir auch merken, gab es nämlich heute Mittag. Und „zum Mitnehmen“ von meiner Mutter gab es Schinken Muffins. Ja, irgendwie funktioniert das noch nicht so recht, mit dem abnehmen. Ist ja auch egal. Hauptsache man lebt ;-).

Tag 17 & 24 - Mein Tattoo & Ich bin im Prozess

TAG 24

Bestimmt haben mich einige bereits vermisst? Wenn nicht, dann ist das sicherlich auch nicht tragisch. Heute ist Tag Nummer 24. Vor sechs Tagen hatte ich bereits einen kurzen Blog geschrieben, ihn aber nicht öffentlich gestellt. Am Ende diesen Blogs, findet ihr Tag Nummer 17.

In den letzten Tagen habe ich mich Hauptsächlich mit mir beschäftigt. Ich habe wirklich wenig bis gar nicht geschrieben, nur zwischendurch auf meiner Facebook-Seite, um mitzuteilen das ich noch lebe. Ganz sicher, ich bin auch noch in der Langzeit-Therapie. Ich denke auch nicht daran, diese abzubrechen. Absolut nicht. Auch wenn sicherlich die Sehnsucht nach „Zuhause“ wächst. Ich glaube das ist völlig normal. Trotzdem habe ich hier in der Klinik, einen guten Anschluss gefunden. Ja, ich bin hier angekommen. Es war bis heute zwischendurch ein harter Kampf und ich stehe sicherlich noch immer, ziemlich am Anfang meiner Therapie. Aber sicherlich nicht mehr an dem Stand, wie er am ersten oder fünften Tag gewesen ist. Ich habe mich auf den Prozess der Therapie eingelassen und mich meinem Therapeuten geöffnet, genauso wie einen gewissen teil, meiner Gruppe. Ich habe gemerkt, dass mein Misstrauen, hier wirklich keinen Platz hat und auf einer gewissen Art auch nicht gerechtfertigt ist. Jedenfalls nicht in der kleinen Gruppe (Wir sind nur sieben) und bei meinem Therapeuten.

In den letzten Tagen wurde mir Bewusst, welches Problem ich habe oder eher, wo der Ursprung meiner Sucht liegt. Wo meine Erfahrungen und mein erlebtes mich zur Ohnmacht trieben, die sich schleichend durch mein Leben zog. Erlebtes das nicht vergessen ist und schon gar nicht verarbeitet. Etwas, wo in den letzten Jahren, immer wieder etwas hinzukam, was mich erstarren ließ. Aus Angst, Wut und Trauer, wurde der Alkohol wohl zu meinem Freund. Jemand der mich nicht mehr nachdenken ließ, wenn ich nachdachte und jemand, den ich letztlich an meiner Seite haben musste, selbst dann, wenn es mir gut ging. Scheinbar, jedenfalls.

Trotzdem gab es in der Vergangenheit Situationen, die mich erschüttern ließen, Erinnerungen aufrissen und ich mit der Ohnmacht, einen Schutz aufgebaut habe. Einen Schutz für mich alleine, ein verdrängen und ebenso eine tickende Zeitbombe, die nur darauf wartete in die Luft zu gehen. Der Alkohol nahm mir in dieser hinsicht, meine grenzen. Bestimmt war auch dieses große verlangen nach einem Ankommen. Vielleicht verletzte ich deswegen manche Menschen. Wo ich letztlich feststellen musste, dass es nicht „das“ war.

Die Vergangenheit hat ihre Narben gelassen und ich erinnere mich an viele Situationen, an denen ich „Machtlos“ gewesen bin. Wo mir vielleicht manchmal, aussprachen geholfen hätten. Aber vielleicht wäre es auch genau gegenteilig gewesen. Mag sein, dass die Situationen, sich verschlimmert hätten.

Mein Thema, kenne ich nun, was sicherlich nicht „mal eben“ behandelt werden kann. Ich merke in den Einzelgesprächen, diese enorme Belastung und das arbeiten in meinem Kopf. Auch wenn die Therapie, Stück für Stück geht und nicht sofort alles auf den Tisch geknallt wird. Auch aus diesem Grunde, merke ich wie wichtig es ist, diese Therapie Stationär zu machen. Als ich am Anfang erzählte, dass ich vielleicht in die ambulante Therapie wechsel, muss ich mich heute korrigieren. Das wird für mich persönlich, keine Option. Ich möchte diese Zeit hier nutzen. In einem Rahmen, wo ich die ersten Schritte gehe und somit wieder anfange zu gehen.

Es gibt immer wieder Momente, wo mir die Tränen in die Augen schiessen. Sei es in der Gruppe oder in den Einzelgesprächen. Es gibt auch andere Situationen. Wie zum Beispiel Verabschiedungen. Man hört und sieht, wie sich manche hier entwickelt haben und sicherlich nicht mehr da sind, wo sie angefangen haben. Manche bekommen ein riesen tief, andere ein großes hoch. Manche freuen sich auf die Entlassung, andere sind vom ersten Tag froh, hier zu sein. Es gibt welche die sich zurück ziehen, die man nicht so oft sieht, andere die verdammt aktiv sind. Es gibt ruhige Tage und Tage an denen wir viel lachen. Manchmal kann ich mich in andere hinein versetzen, gerade wenn jemand neu angekommen ist und den Tränen nah ist. Wie am Montag. Er aß nichts, hatte glasig Augen und starte auf einen Punkt. Ich unterhielt mich kurz mit ihm und erzählte, wie mein erster Tag war. Ich verstand ihn. Als ich sagte, dass ich mehrmals überlegte den Koffer auszupacken, guckte er mich an. Ich sprach zu ihm „Du auch?!“. „Ja!“ sagte er. Ich machte ihm Mut, mit einem Spruch. „Sei mutiger als die Angst es ist und vergesse deine Ziele nicht!“. Er schaute mich an, grinste kurz und kam später am Nachmittag in die Cafeteria und erzählte mir, dass er seinen Koffer ausgepackt hätte. Er ist immer noch da. An meinem ersten Tag, war keiner da, der mir Mut machte. Jedenfalls keiner von meinen Mitpatienten. Man wurde erstmal angestarrt und war „der Neue!“. Sicherlich wäre es für mich ein Stück erleichternd gewesen. Aber ich war für mich da und Stark genug, die ersten Tage zu überstehen und meinen Kopf zu überwinden.

Ich weiß eben, dass es sich lohnt und es eine Bereicherung für mich ist. Das ist Glück, glück hier sein zu dürfen und eine neue Chance zu bekommen, etwas für sich zu verändern. Neue Schritte zu gehen. Ich sehe es nicht mehr als eine „Bestrafung“ oder ein „da muss ich durch“. Es ist „Glück“ und „da will ich durch!“. Klar, auch mit der Frau, die ich kennenlernte, habe ich Glück. Auch dafür, ist es verdammt gut, hier zu sein.

Es liegt noch ein weiter Weg vor mir, aber heute bin ich eben Stolz auf mich, diesen auch zu gehen. Ich spreche nicht mehr von „hätte“, „Wenn“ und „Aber“. Die Vergangenheit kann man nicht mehr verändern, nur ordentlich verarbeiten. Schritt für Schritt. Da erinnere ich mich wieder an einen Spruch: „Aus einem kleinen Samenkorn, kann etwas großes wachsen!“. Ach da fällt mir noch ein, ich habe seit Montag endlich mein Einzelzimmer. Wunderbar. Klein aber fein und ich habe mich wirklich schön eingerichtet. So schön, dass ich mich zumindest in meinem Zimmer wohlfühlen kann und genauso auch zurückziehen darf. Bis Bald, da draußen!

 

 

TAG 17 

Wo ich vor circa einer Woche noch glaubte, ich wäre bereits sechs Wochen hier, so fängt es langsam an, dass die Tage wirklich wie im Flug vorbei rasen. Zwar habe ich das Gefühl immer noch, länger hier zu sein, aber so allmählich verfliegt auch das. Sonntag dachte ich noch „Was für eine lange Woche“ und heute ist bereits Tag siebzehn und Mittwoch, wobei beides so langsam endet. Somit hatten die anderen recht, die mir erzählten, dass die Zeit plötzlich rennt.

Wenn ich mir ebenfalls überlege, dass ich nur noch dreizehn Einzelgespräche habe, klingt es mittlerweile ebenfalls „wenig“. Theoretisch bin ich froh darüber, praktisch hoffe ich natürlich, dass die Zeit reicht. Ich glaube allerdings schon.

Ja, die letzten Tage waren sehr anstrengen. Es fängt an, mit der Kopfarbeit und ich merke wie verdammt anstrengend das ist. Es belastet mich und ich fange mehr und mehr an, zu grübeln, nachzudenken und genauso habe ich begonnen mich den Dingen zu stellen. Zwar ziehe ich mich aus meiner Gruppe etwas zurück, doch weiß ich, dass dies ganz schnell wieder geändert werden muss. Ich bekomme mit, wie enorm Wichtig diese Gruppentherapie ist, auch wenn ich langsam keine Lust mehr habe zu heulen, bzw. die Tränen zu unterdrücken. Auch das strengt an, meine Fassade aufrecht zu erhalten. Es ist fast Automatisch. Aber sie bröckelt und das verdanke ich in erster Linie meinen Einzeltherapeuten.

In mir tauchen plötzlich Gefühle auf, die ich selbst in meiner trockenen Zeit, nicht so, in Erinnerung habe, wie diese, die sich mir jetzt vorstellen. Es ist gut, natürlich, aber es ist auch genauso Neu und ungewohnt. Zudem verletzt es mich, meine lieben da draußen, mit einer schlechten Stimmung vorzutreten. Klar, erkläre ich mich immer wieder und genauso entschuldige ich mich auch. Es ist nun mal so, dass ich hier an mich arbeite und auch nur hier lerne, mit all dem positiv umzugehen. Ich weiß das es kein Dauer Zustand ist und ich weiß auch, dass ich meine Fortschritte hier machen werde. Mich verändere, aber im Grunde der Mensch bleibe und bin, der ich von Herzen bin.

Ich merke bereits jetzt, leichte Fortschritte. Es sind kleine, aber für mich bereits erkennbare. Ich war vor zwei Tagen das erste Mal wieder, alleine einen Cappuccino in einem Café hier im Ort trinken. Ich habe es genossen, wirklich genossen. Fast zwei Stunden lang. Ich ging durch jeden laden, schaute nach Anziehsachen und anderen Dingen. Ich kaufte etwas und schlenderte wieder durch die Straßen. Schaute hier und dort. Es war schön. Lange war es wieder anders. Aber es erinnerte mich daran, wie ich es damals schaffte und wie das Gefühl damals gewesen ist. Ich konnte einen Moment zur Ruhe kommen und das geschehene verarbeiten. Alleine für mich. Das war nötig.

Auch heute verließ ich in meiner Freizeit die Klinik. Ich nahm mir auch nach diesem schweren Tag vor, ins Solarium zu gehen, einen Termin beim Friseur zu machen und in einem Tattoo laden, nach einem passenden Tattoo zu schauen. Erstmal nur informativ. Dachte Ich. Solarium war ich, es war toll, Friseur kommt Samstag. UND mein Tattoo am 02. August. Ohja, ich freue mich. Es war eher Spontan. Ich wollte immer schon ein Tattoo haben, aber das schob ich immer nach vorne. Als ich gestern den Laden entdeckte, nahm ich mir vor, heute dorthin zu gehen und mich über Preise und Bilder zu informieren. Ich erzählte, was ich mir vorstelle und prompt bekam ich einen Termin. Ich fragte nochmal, ob der Termin zum Tätowieren wäre, der Künstler bejahte. Ich zahlte etwas an, ging raus und strahlte über beide Ohren. Hier in der Klinik, weiß es bereits jeder. Ja, ich freue mich darauf. Ich schiebe endlich mal nicht, sondern tue einfach etwas, was mir gefällt. Es ist eine Belohnung für mich. Für die Mühe und den Kampf. Na gut, ich versuche mir auch ein Teil schenken zu lassen, immerhin habe neun Tage nachdem tätowieren Geburtstag.

Das Tattoo ist noch nicht fertig, e wird gezeichnet. Meine Vorstellung teilte ich natürlich mit. Es wird nicht sehr groß und besteht aus fünf Sternen. Einen großen, der mich symbolisiert und vier kleine, die etwas Anderes darstellen. Fakt ist, dass dieses Tattoo mich an meine Zeit hier, erinnern soll und an etwas Anderem, dass mich hier in dieser Zeit begleitet und Kraft gibt. In ca. zwei Wochen schaue ich mir die Vorlage an. Ich bin wirklich gespannt. Allerdings erwarte ich schmerzen, beim Stechen. Das Tattoo kommt auf die rechte Brust. Aua. Aber egal.

Ich habe sicherlich noch einiges mehr zu erzählen, aber für heute mache ich vorerst Schluss. Ich werde gleich noch Fußball gucken und dann in mein Bett verschwinden. Die Tage hier, machen verdammt Müde. So Müde, dass ich mittags sogar schlafen könnte. Bleibt Tapfer und vergesst nicht, die Sonne geht jeden Morgen auf! Jeden!